bevor sich alles zu drehen anfängt

Milena Marković

bevor sich alles zu drehen anfängt
Aus dem Serbischen von Peter Urban

gib mir gib mir

herrgott süßer gib mir morgen
gib dass ich mich freuen kann
gib mir gib mir
denn ich brauche ja nicht viel
sieh den baum auf dass er wächst
dass das haus geweißelt wird
dass die kinder sich nicht fürchten
vor der nacht vor jenem tage
vor den mächten die vernichten
herrgott süßer gib mir morgen
gib mir dass ich weitermache
gib mir gib mir

Milena Marković hat einen Blick für Szenen und Menschen am Rande der Gesellschaft – dort, wo sich der gebrochene Stolz der Verlierer zeigt, ihre Enttäuschung und Verunsicherung. Und Milena Marković hat vor allem auch ein Ohr für die Sehnsüchte der Verzweifelten, für ihre Wut, ihren Zorn und ihre Resignation.
Nebst Schlaflied, Zauberspruch oder Gebet sind die Gedichte meist kurze Monologe einer Figur: ein Arbeiter etwa, der um die Salami des verstorbenen Kollegen trauert, die Empfehlungen einer Mutter an den nicht geborenen Sohn, oder der Veteran, der plötzlich über sein Leben und sich selbst erschrickt. Doch nicht die Themen und Geschichten stehen im Vordergrund, sondern die ambivalenten Emotionen der Figuren – ihr Hassen und Lieben, ihre Ängste und Hoffnungen.
Bevor sich alles zu drehen anfängt sind eminent aktuelle Gedichte – rau, eingängig, voll bösem Witz.

Milena Marković, geboren 1974 in Belgrad, ist Dichterin, Theater- und Drehbuchautorin. Sie gilt als eine der wichtigsten Dramatikerinnen Serbiens, deren Stücke auch international aufgeführt werden (u. a. Wiener Festwochen, Steirischer Herbst, Schauspielhaus Zürich).

Milena Marković, bevor sich alles zu drehen anfängt
übersetzt von Peter Urban
Deutsche Erstausgabe in der Edition Korrespondenzen
96 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen
ISBN 978-3-902951-24-3 € 19,00

Kino, Trance und Kybernetik

Ute Holls Arbeit verfolgt die wissenschafts. und technikhistorischen Voraussetzungen der Wahrnehmung im Kino bis in die Biowissenschaften die psychophysischen Experimente des 19. Jahrhunderts.
Kino ist ein Laboratorium für technisch produzierte Empfindungen und gehört zu den Trancetechniken unserer Kultur. Daß Kino eine Kulturtechnik ist, die an die Nervensysteme anschließen kann, wenn sie ihren Rhythmus überträgt, wurde von allen Experimentalfilmern ausgenutzt. Da setzen die Visionen des Dziga Vertvor, Maya Deren oder Jean Rouch an, wenn sie das Kino als politischen, intersubjektives, interkulturelles Netzwerk konstruieren. Um “die Wahrheit 24 mal in der Sekunde” zu erkennen, bedarf es einer Filmtheorie, die Technologie und Erfahrung endlich verbindet.
Brinkmann & Bose Verlag, Berlin

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“Er erzählte mir von Sei-Shônagon, einer Ehrendame der Prinzessin Sadako Anfang des 11. Jahrhunderts der Heian-Periode. Shônagon hatte eine Manie für Listen: die Liste der “eleganten Dinge”, der “trostlosen Dinge” oder aber der “Dinge, die es nicht wert sind, getan zu werden”. Eines Tages hatte sie die Idee, die Liste aufzustellen der “Dinge, die das Herz schneller schlagen lassen”. Chris Marker, Sans Soleil